Über das Fronleichnams-Wochenende richtete der LSV/Turm Lippstadt wieder sein Turm-Open aus. 196 Teilnehmer traten verteilt auf drei Gruppen an. Darunter waren diesmal vier Bönener: Ingo Hüttl in der C-Gruppe (<1400) sowie Martin Merz, Stephan Wegner und Fabian Schlottmann in der A-Gruppe (>1700).
Den größtmöglichen Erfolg landete dabei Fabian Schlottmann und so möge der Leser bitte dem Schreiber dieser Zeilen nachsehen, dass er hier ausführlich über sich selbst schreibt. Das Turnier begann mit drei eher wilden Partien gegen niedriger gewertete Gegner, die Schlottmann aber jeweils für sich entscheiden konnte. In Runde 4 wartete mit dem 14-jährigen Hussain Besou die härteste Aufgabe des Turniers. Seit kurzem IM, war er vorher schon mehrfacher deutscher Jugendmeister und Dritter der U12-WM von 2022. Schlottmann hatte immerhin den Vorteil der weißen Steine und versuchte es wie gewohnt mit dem Trompowsky-Angriff. Zufällig bekam er nahezu die gleiche Variante wie morgens in Runde 3 aufs Brett. So nahm er fälschlich an, dass sein Gegner den ersten neuen Zug vorbereitet hatte und wählte davon beeindruckt eine ungenaue Fortsetzung, die Schwarz gutes Spiel brachte. Gerade noch rechtzeitig traf Schlottmann die Einsicht besser auf die Bremse zu treten und sich auf das Befestigen der eignenen Stellung zu beschränken. So konnte Schwarz keine Fortschritte machen und es folge das logische Remis. In Runde 5 bekam Schlottmann eine seiner selten gespielten Französisch-Varianten aufs Brett, verlor im Mittelspiel jedoch den Faden, sodass die gegnerischen Türme bald seinen König bedrängten. Ungenaue Züge des Weißspielers brachten dann aber seinen eigenen König in Bedrängnis, sodass er die Qualität geben musste. Es folgte ein Endspiel mit Mehrqualität bei gleichen Bauern, das Schlottmann nach langem Kampf für sich entscheiden konnte. In Runde 6 bekam der Bönener wie am Vortag die Variante vom Morgen aufs Brett. Hier wählte der Weißspieler jedoch eine andere Fortsetzung, wonach Schlottmann zwei Varianten seiner Vorbereitung vertauschte. Der Schaden war zum Glück nicht groß, aber es war nun aussichtslos Druck auf die weiße Stellung aufzubauen. So wickelte Schlottmann in ein Endspiel ab, in dem der Weiße den Minimalvorteil des Läufers gegen den Springer hatte. Bei zahlreichen Bauern auf dem Brett, gab es aber kein Weiterkommen und so endete die Partie bald remis. Die anderen Ergebnisse der Runde 6 liefen sehr zu Schlottmanns Gunsten, sodass er nun mit 5/6 Punkten geteilt mit GM Lev Gutman an der Spitze stand. In der Schlussrunde hatte er nun wieder Weiß und einen kleinen DWZ-Vorteil auf seiner Seite, doch sein Gegner sollte aber auch eben jener ehemalige Weltklasse-Großmeister Gutman sein. Die Partie begann vielversprechend, denn Schlottmann bekam Trompowsky und den vorbereiteten Stellungstyp aufs Brett. Im Übergang zum Mittelspiel fand Schlottmann dann nicht den besten Plan und geriet bei ungleichen Rochaden am Damenflügel unter Druck. Doch kurz später sorgte ein taktischer Überseher seines Gegenübers für einen Bauerngewinn des Böneners. Schlottmann gelang es daraufhin die Damen zu tauschen und die Stellung zu konsolidieren. Mit Blick auf sein aussichtsreiches Endspiel bot Schlottmann Remis an. was zum Turniersieg gereicht hätte, da die Buchholz-relevanten Partien der Runde 7 bis dahin positiv für Schlottmann endeten. Davon unbeeindruckt spielte sein Gegner weiter und suchte die Entscheidung im Turm-Läufer-Endspiel. Darin erwiesen sich einmal mehr die ungleichfarbigen Läufer im Turmendspiel als gefährliche Waffe für die Seite mit dem Mehrbauern, sodass der weiße Bauer auf h7 den schwarzen Turm auf h8 binden konnte, was mindestens die letzten Verlustchancen für Weiß entfernte. Nun doch etwas nervös, investierte Schlottmann nochmal einige Bedenkzeit um eine letzte, schöne Abwicklung sauber durchzurechnen. Unter Turmopfer beseitigte er den letzten schwarzen Bauern und schickte danach seinen Freibauern unaufhaltsam auf die Reise. Dieser sollte Schlottmann nicht nur den ersten ELO-gewerteten GM-Sieg bringen, sondern mit 6/7 auch den ungeteilten Turniersieg vor IM Besou, FM Browning und FM Wagner mit je 5,5/7. Eine überdurchschnittliche Turnier-Leistung (in Zahlen: 2440 ELO), brachte ihm seinen bisher größter Open-Erfolg und auch das Preisgeld sowie rund 30 ELO-Punkte nahm er gerne mit zurück nach Bönen.
Die übrigen Bönener spielten durchaus schönes Schach, was jeweils nur knapp nicht für ein besseres Turnierergebnis reichte. Ingo Hüttl startete von Setzranglisten-Platz 3 aussichtsreich ins C-Open, erlebte jedoch schon in der ersten Runde seine einzige Turnierniederlage. Danach holte er noch solide 4,5 Punkte, doch letztlich fehlte der letzte halbe bis ganze Punkt um noch ganz vorne reinzuspringen. Besser erging es zunächst Martin Merz, der mit drei Siegen aus vier Runden startete und dabei nur gegen den späteren Turnierdritten FM Browning verlor. Ab Runde 5 verlor Merz leider die gute Turnierform, nach einer weiteren Niederlage folgten noch zwei Remis gegen etwas niedriger gerankte Gegner. Im Mittel sprang aber ein 24. Platz heraus, was genau Merz‘ Setzranglisten-Platz entspricht. Einen ähnlichen Turnierverlauf erlebte Stephan Wegner mit einem erwarteten Erstrundensieg und zwei Remis gegen stärkere Gegner. In der Folge gelangen ihm noch zwei Remis in vier Runden, was 3/7 und Platz 48 bedeutete. Für ein nach eigener Aussage zufriedenstellendes Ergebnis fehlte letztlich ein halber Punkt, den er vor allem in den Runden 6 & 7 liegen ließ.
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